JAHRESTAGUNG 04 / 2025 KINDERÄRZTE. SCHWEIZ 36 REFERENTIN: JACQUELINE SIDLER Lic. phil. I Sozialwissenschaft, DAS Law UniBe, Diplom in Sozialarbeit, Bereichsleiterin Programme/ Mitglied Geschäftsleitung Kinderschutz Schweiz MODERATION/AUTOR: DR. MED. MATTHIAS FERRETTI Mitglied Redaktionskommission, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin, Praxis am Lindberg, Winterthur Korrespondenzadresse: m.ferretti@hin.ch Teamworkshop Ärzt:innen und MPAs: Kinderschutz 18 Gefährdete Kinder frühzeitig erkennen – was tun und wie reagieren? so die Annahme weiterführender Hilfe durch die Eltern, da uns gegenüber die Hemmschwelle und Schambehaftung oft tiefer sind. Bei der Elternansprache gilt es, die Hintergrundfaktoren beim Erziehungsverhalten zu reflektieren (Wissenslücken zu Entwicklung, Kindfaktoren, Alltagsstress, fehlende Alternativen, intergenerationale/kulturelle Muster), das aktuell vorliegende Stressniveau der Eltern einzuschätzen (aufnahmefähig; zuerst beruhigen; nicht zugänglich ➝ Halt geben, Hilfe organisieren) und die Kommunikation dementsprechend passend zu dosieren: ressourcenorientiert, konkret, kleiner nächster Schritt, statt sich gleich die Gesamtlösung zuzumuten. ■ Empfehlenswert: «Psychische Gewalt in der Erziehung – Faktenblatt für Fachpersonen» Kindeswohlgefährdung liegt vor, wenn Grundbedürfnisse nicht erfüllt sind, das Kind sein Potenzial nicht entfalten kann und wenn vermeidbares Leid nicht verhindert wird. Es genügt bereits die ernsthafte Möglichkeit einer Gefährdung. Wir Fachpersonen tragen Verantwortung, aber darin bestehen auch klare Grenzen. Solange keine Gefährdung vorliegt, ist es leider nicht jedem Kind vergönnt, glücklich und sorglos aufzuwachsen, auch wenn wir das allen wünschen. Oft bleibt nur, auf die Resilienz der Kinder zu vertrauen, und dass es uns gelingt, den Kindern und Jugendlichen positive Erlebnisse und damit hoffentlich prägende Erinnerungen zu bescheren. Wichtig ist zudem, unsere Kernkompetenzen für die Kinder einzusetzen: die wohlwollende Beziehung zu der Familie und den Eltern sowie die Sicht des Kindes mit seinen Bedürfnissen aufzuzeigen. Vielleicht gelingt uns Teamworkshop Ärzt:innen und MPAs: Kreativität 19 «Die Kinderarztpraxis als kreativer Freiraum: Wie geht das?» REFERENTIN: KARIN KRAUS Fondatrice & Geschäftsleiterin Stiftung Lapurla, Studienleiterin & Dozentin CAS Kulturelle Bildung, Hochschule der Künste Bern (HKB) MODERATION/AUTORIN: DR. MED. AMALIA AMSTUTZ Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin, Praxis am Stadtrand, Dübendorf Korrespondenzadresse: aamstutz@hin.ch ■ Veränderbares Material und inspirierende Bilderbücher anbieten im Wartebereich und Behandlungsraum ■ Anwendung ästhetischer Materialien in der Untersuchung ■ Eltern ermutigen und inspirieren, ihren Kindern zu Hause ästhetisches Material anzubieten. Dazu können die Broschüren und die Website von «Lapurla» unterstützen ■ Anstelle von Plastikspielzeug als «Mitgebsel» aus der Schatzkiste eine Feder, einen schönen Knopf usw. mitgeben ■ Wir sind umgeben von ästhetischem Material. Wir müssen uns von der Idee lösen, besser zu wissen, wie etwas aussehen soll, und uns mit den Kindern auf den kreativen Prozess einlassen, ohne zu wissen, wohin der führt ■ Ausmalbilder und Basteln nach Anleitung sind Kreativitätskiller. ■ Im Zeitalter von Handyhaltern für Kinderwagen ist es unsere Aufgabe als Kinderärzt:innen, Eltern konsequent aufzuklären: Kinder brauchen in dieser neurobiologisch plastischen Phase vielfältige Sinnesreize für eine gesunde Entwicklung. Vor allem die Jüngsten benötigen Freiheit und Raum zum Entdecken – doch solche Entfaltungsräume sind im digitalen Alltag rar. Kreativität gilt als Schlüsselkompetenz der Zukunft. Im schöpferischen Prozess erleben Kinder Selbstwirksamkeit, entdecken ihr Potenzial und stärken ihre Resilienz. Dafür setzt sich die von Karin Kraus gegründete Initiative Lapurla ein: Sie schafft Orte, an denen Kinder mit ihren Eltern sinnliche Erfahrungen sammeln können. Im Workshop Kreativität zeigte Karin Kraus, wie wir auch in der Praxis solche Freiräume eröffnen können. Sie brachte ein Potpourri ästhetischer Materialien mit: bekannte Natur- und Alltagsgegenstände wie Nussschalen, Malerband, Blattgelatine mit Wasser oder bunte Knöpfe, die sortiert, aufgefädelt oder einfach durch die Hände gleiten können. Mit einer Taschenlampe und einem Stück Paillettenstoff entstehen faszinierende Projektionen an der Wand. Alles Dinge, die sich mit allen Sinnen erforschen und verwandeln lassen. Fazit aus der Diskussion, wie wir das Gehörte konkret umsetzen können: Illustration: Stiftung Lapurla
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