BERUFSPOLITIK 04 / 2025 KINDERÄRZTE. SCHWEIZ 10 Wir haben täglich Eltern am Telefon, die frustriert und wütend sind, weil sie für ihre Kinder keine Kinderarztpraxis finden. Somit ist der Zustand eingetreten, vor dem die Verbände der Grundversorgenden seit Jahren warnen. Was würden Sie den Eltern am Telefon antworten? Ich habe grösstes Verständnis für Eltern, die mit dieser Situation unzufrieden sind. Es kommt immer auf das konkrete Anliegen an. Zunächst können sich die Eltern an alternative Angebote wenden, zum Beispiel an eine Apotheke, eine freiberufliche Pflegefachfrau, eine Elternberatung, eine Hebamme oder ein Spital, was zwar nicht vergleichbar ist mit einer festen Kinderarztpraxis, aber das Kind wird versorgt und erhält die nötige Behandlung. Die Probleme bei der Grundversorgung sind bekannt. Aus diesem Grund habe ich zusammen mit einer breiten Allianz Ende letzten Jahres die Agenda Grundversorgung ins Leben gerufen. Damit soll sichergestellt werden, dass alle, unabhängig von Wohnort und Alter, Zugang zu medizinischer Versorgung haben. Verschiedene Arbeitsgruppen sind lanciert, auch mit aktiver Beteiligung des Verbands Kinderärzte Schweiz und anderer Gesellschaften für Pädiatrie. Ende Jahr soll ein Bericht mit konkreten Vorschlägen vorliegen, und der Bundesrat wird prüfen, welche davon umgesetzt werden. Verbands, ist wichtig, um Strategien zu entwickeln, die vor einem Burnout schützen oder auch dabei helfen, Fehldiagnosen zu vermeiden. Angesichts der psychosozialen Dimensionen Ihres Berufs kann es hilfreich sein, über Möglichkeiten der Vernetzung nachzudenken und mit Nichtregierungsorganisationen, schulpsychologischen oder Sozialdiensten zusammenzuarbeiten, die den Familien Ihrer Patient:innen angemessene Unterstützung bieten können. In den letzten 30 Jahren sind viele gut gemeinte Massnahmen zur Unterstützung der Grundversorgung in der Umsetzung gescheitert. Für uns in der Praxis hat sich die Situation in derselben Zeit eher verschlechtert: Zunahme der Bürokratie, Hindernisse in der Zulassung und nicht zuletzt auch Gewinneinbussen. Wie verhindert man, dass das bei den aktuellen Massnahmen (TARDOC, Ausbildungsoffensive etc.) nicht erneut passiert? Wie Sie selbst sagen, sind verschiedene Reformen und Initiativen im Gang, um die Situation zu verbessern. Ziel ist natürlich, dass sie zu konkreten Ergebnissen führen. Ich kann Ihnen versichern, dass ich mich mit Überzeugung dafür einsetze, ebenso wie das Bundesamt für Gesundheit. Neben der bereits erwähnten Agenda Grundversorgung habe ich im vergangenen Jahr eine detaillierte Überprüfung der Ursachen für den hohen administrativen Aufwand im Gesundheitsbereich angestossen. Diesen Herbst wird es eine grosse Untersuchung geben, um das Ausmass und die Ursachen des administrativen Aufwands zu erfassen. Zu diesem Zweck werden auch rund 60 Haus- und Kinderärzt:innen in ihrem Praxisalltag begleitet. Auf dieser Grundlage wird das Bundesamt für Gesundheit Massnahmen zur Reduktion der Belastung vorschlagen. Und betreffend Tarife verweise ich auf die neuen ambulanten Arzttarife, die per 1. Januar 2026 in Kraft treten und den veralteten Tarmed ablösen werden. Die Tarifpartner, einschliesslich der Berufsverbände der Ärzt:innen, sind zu Ergebnissen gekommen, von denen ich mir erhoffe, dass sie die Situation für Haus- und Kinderärzt:innen verbessern. Haben Sie konkrete Kontakte zu Kinderärzten:innen, die Sie bei Entscheidungen zur Grundversorgung um Rat fragen können? In den zahlreichen Gesprächen, die wir führen, vertreten die Kinderärzt:innen Ihren Berufsstand ausgezeichnet. Ich habe letztes Jahr die Expertengruppe Kinder- und Jugendmedizin getroffen, in der auch der KIS-Präsident Dr. med. Marc Sidler vertreten ist. Ausserdem bin ich oft in Kontakt mit mfe Haus- und Kinderärzte Schweiz, und auch mit den Kinderspitälern von AllKids gibt es regelDie Tarifpartner, einschliesslich der Berufsverbände der Ärzt:innen, sind zu Ergebnissen gekommen, von denen ich mir erhoffe, dass sie die Situation für Haus- und Kinderärzt:innen verbessern. Die Realität in der Kindermedizin ist komplex: psychosoziale Belastungen, sprachliche Barrieren, administrative Hürden – und mittendrin Kinder, deren Bedürfnisse immer weniger ins System zu passen scheinen. Sie selbst haben als Sozialarbeiterin Menschen in prekären Lebenslagen begleitet und gestalten heute die Gesundheitspolitik der Schweiz auf höchster Ebene. Was raten Sie Kinderärzt:innen, um den schwierigen Spagat zwischen individuellen Lebensrealitäten und den starren Strukturen unseres Gesundheitssystems zu meistern? Kinderärzt:innen tragen eine grosse Verantwortung, das ist unbestritten, und die Aufgabe kann belastend sein. Ich würde all jenen, die das Gefühl haben, hier an die eigenen Grenzen zu stossen, wie jedem anderen Menschen in einer vergleichbaren Situation, raten, mit Sorgen und Ängsten nicht allein zu bleiben. Der Austausch unter Berufskolleg:innen, etwa im Rahmen Ihres
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