02 / 2025 CASE REPORT AUS DER PRAXIS FÜR DIE PRAXIS KINDERÄRZTE. SCHWEIZ 39 Wie spannend doch unser Beruf ist! Immer wieder gibt es Neues und Lehrreiches zu entdecken: Ein 13,5 Jahre alter gesunder Junge mit Laktoseintoleranz wurde im Sommerlager (8. Juli bis 13. Juli 2024) mehrfach von Zecken gebissen. Alle wurden frühzeitig entdeckt, entfernt und waren noch relativ klein (ca. 2 mm und kleiner). An zwei Bissstellen persistierte ein Juckreiz über 2 Monate. Am 2. September abends im Schullager zeigte sich plötzlich ein urtikarieller Ausschlag am Oberkörper und Oberarmen mit Nausea ohne Erbrechen. Am 3. September bei Zunahme des Ausschlags sowie Kopfschmerzen folgte daher die Vorstellung auf dem Notfall. Dort wurde die Diagnose eines parainfektiösen Exanthems gestellt ohne Therapiemassnahmen. In den Herbstferien auf Fuerteventura trat plötzlich erneut ein grossflächiger Ausschlag am gesamten Stamm auf, und dabei zeigte sich auch eine Zunahme der Rötung um einen früheren Zeckenbiss am Bauch. Siehe Bild 1. Der Junge und seine Familie lösten das Rätsel selbst: Er erinnerte sich, dass er sowohl im Schullager als auch auf Fuerteventura am Abend, bevor der Ausschlag begann, Hackfleisch gegessen hatte. Er machte 2024 ein Vegi-Jahr und diese beiden Abendessen in den Ferien/im Lager waren eine Ausnahme. Die Familie recherchierte im Internet und stiess rasch auf das «Alpha-Gal-Syndrom». Das Alpha-Gal-Syndrom (AGS) gehört zu den spannendsten Entdeckungen in der Allergologie der letzten 15 Jahre und wird ausgelöst durch spezifisches Immunglobulin DR. MED. MERCEDES OGAL FACHÄRZTIN FÜR KINDER- UND JUGENDMEDIZIN, NTEGRATIVE MEDIZIN INNERSCHWEIZ AG, BRUNNEN Korrespondenzadresse: mercedes@ogal.ch Fleischallergie durch Zeckenbiss? Case Report E (sIgE) gegen den für Menschen immunogenen Zucker Galactose- ‑1,3‑Galactose (Alpha-Gal). Säugetierfleisch, Milch und daraus hergestellte Nahrungsmittel enthalten Alpha-Gal und können zu Anaphylaxien führen. Auch Arzneimittel und Medizinprodukte aus Säugetiergewebe können allergen sein. Zeckenstiche gelten als Hauptquelle einer Induktion von Alpha-Gal-sIgE. Die Laboranalyse im Oktober 2024 bei dem Jungen ergab ein ges. IgE von 460 kIU/L (<115) und ein spezifisches Galactose-alpha-1,3-Galactose IgE von 25,50 kU/L (<0,10). Er erhielt ein Notfallset und entschloss von selbst, ab sofort auf Fleisch zu verzichten, da er so etwas nicht mehr erleben möchte. Auf Milchprodukte und Käse hat er nie reagiert und immer konsumiert. Nach Konsum von Gelatine haben zwei der Zeckenbisse wochenlang mit Juckreiz reagiert. Seit der Diagnose hat er keine Gelatine mehr gegessen. Hühnerfleisch wurde seit Dezember gut vertragen. Seit der Diagnosestellung zeigte er keinerlei allergische Reaktionen mehr. Wichtig zu wissen: Sport kann weitere Nahrungsmittel-bedingte Anaphylaxien (Food-dependent, exercise-induced anaphylaxis = FDEIA) auslösen: ■ Rotes Fleisch (Alpha-Gal) ■ Weizen (Omega-5-gliadin, Tri a 19) ■ Früchte (Pru p3) Mir war bisher kein einziger Fall bekannt, und als ich nach dem Laborresultat drei verschiedene Kinderallergologen kontaktierte, berichteten alle, dass sie bisher noch keinen Fall gesehen haben. Vielleicht ist dies hier auch der erste Schweizer Case Report? ■ Bild 1 Foto: Mercedes Ogal Eine Reproduktion der im Originalbeitrag enthaltenen Abbildungen ist aus urheberrechtlichen Gründen leider nicht möglich. Zur Veranschaulichung des Falls und der zugrunde liegenden Pathophysiologie finden Sie nachstehend den Link und QR Code zu den nachfolgend beschriebenen Abbildungen aus dem Artikel von Wilson et al. (2024). Die Originalgrafiken sind abrufbar unter: https://onlinelibrary.wiley.com/doi/full/10.1111/all.16003 Grafik 1: Symptom-Spektrum des Alpha-Gal-Syndroms (AGS) Diese Abbildung zeigt eine Verlaufsskala der klinischen Symptome, die von milden gastrointestinalen Beschwerden über Urtikaria und Angioödeme bis hin zu schwerer Anaphylaxie reichen können. Auf der rechten Seite werden Risikofaktoren für eine verstärkte Reaktion dargestellt, darunter ein hoher Spiegel an alpha-gal-spezifischem IgE sowie ein hohes Verhältnis von spezifischem zu Gesamt-IgE. Ausserdem werden Kofaktoren genannt, die die Wahrscheinlichkeit einer Reaktion erhöhen, z. B. Alkohol, körperliche Aktivität und NSAR. Grafik 2: Immunologischer Mechanismus des Alpha-Gal-Syndroms Diese schematische Darstellung erklärt, wie alpha-Gal über den Darm, aber insbesondere über Zeckenbisse ins Immunsystem gelangt. Der Fokus liegt auf der Rolle von dendritischen Zellen, Mastzellen und B-Zellen, die zur Bildung von alpha-gal-spezifischem IgE führen. Der Ablauf zeigt die Immunaktivierung vom Zeckenstich bis zur IgE-vermittelten Sensibilisierung. Grafik 3: Weltweite Verbreitung von AGS-Fällen Eine Weltkarte visualisiert Länder mit bestätigten AGS-Fällen und zeigt auch Regionen mit dokumentierter IgE-Sensibilisierung ohne klinische Fälle. Zusätzliche Karten zeigen die geografische Verbreitung von Zeckenarten, die mit AGS in Verbindung stehen, z. B. Amblyomma americanum in Nordamerika und Ixodes holocyclus in Australien. Eine Tabelle ordnet die Zeckenarten den betroffenen Regionen zu.
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