KINDERÄRZTE.SCHWEIZ 3/2020

22 COV ID- 19 03 / 2020 K I N D E R Ä R Z T E . SCHWEIZ B etrachten wir die wichtigsten Entwicklungsauf- gaben der Adoleszenz, wird rasch deutlich, dass Ju- gendliche in sehr zentralen Lebensbereichen stark von den mit dem Lockdown und Social Distancing einher- gehenden speziellen Umständen und Einschränkun- gen betroffen sind. Insbesondere wurden wichtige Ent- wicklungsaufgaben der Adoleszenz stark erschwert: Persönlichkeits- und Identitätsbildung Was Jugendliche am meisten vermisst haben, war der direkte Kontakt und Austausch mit Gleichaltrigen. Dies belegt eine aktuelle Studie der Zürcher Hochschu- le für Angewandte Wissenschaften (ZHAW).[1] Der Austausch und das Erleben mit Gleichaltrigen ist zen- tral für die Entwicklung eines eigenen Lebensstils, ei- gener Wertmassstäbe sowie für das Ausloten von Rol- len und Identitätsmustern. Aufbau stabiler Beziehungen Das Erleben von sozialer Zugehörigkeit ist in Zeiten des Social Distancing erschwert. Digitale Kontakte wurden nicht als gleichwertig mit direktem Kontakt erlebt. Dies zeigt sich auch, wenn man Jugendliche im öffentlichen Raum erlebt: Umarmungen und «big hugs» gehören als wesentliches Element dazu. Im Rahmen beruflicher Kontakte habe ich in den vergangenen Wochen zu- dem wiederholt Jugendliche erlebt, welche sich trotz regen Austauschs auf Social-Media-Kanälen stark ver- unsichert zeigten, ob der soziale Anschluss nach Been- digung des Lockdowns gelingen würde. Sexuelle Kontakte Spielerisches Flirten, Einüben von Annäherungen, Spass haben bis hin zu intimen Beziehungen: Jugend- liche wurden hier von wichtigen Entwicklungsmög- lichkeiten abgeschnitten. Jugendliche, welche eine partnerschaftliche Beziehung leben, sowie ihre Eltern waren zudem mit der schwierigen Frage konfrontiert, ob und wie dies in Zeiten des Lockdowns und Social Distancing gelebt werden kann. Selbstfindung erfordert Abgrenzung Eine wichtige Aufgabe der Adoleszenz ist die Ab- lösung vom Elternhaus. Um diese Ablösung wagen zu können, ist das Vorhandensein stabiler ausserfamiliä- rer Beziehungen unabdingbar. Zudem muss es möglich sein, elterliche Werte und Vorgaben kritisch infrage zu stellen. Verbesserte Beziehungen zu den Eltern und eine Zunahme elterlicher Zuwendung während des Lockdowns, welche die Studie der ZHAW ausweisen, sind erstaunlich erfreuliche Befunde. Interessant wäre zu erfahren, inwiefern die verbesserten Beziehungen mit einem Teilverzicht auf Autonomie und Abgrenzung seitens Jugendlicher einhergegangen ist. Aus meinen beruflichen Kontakten mit Jugendlichen lässt sich sagen, dass die Situation für Jugendliche, in deren Familie es zu häufigen Konflikten, auch auf El- ternebene, kam, sehr belastend, teilweise kaum aus- haltbar und zermürbend war. Die fehlenden Möglich- keiten des ausserfamiliären Ausgleichs erschwerten die Situation. Schulische und berufliche Ausbildung Eine gross angelegte Studie des Instituts für Bildungs- management und Bildungsökonomie der Pädagogi- schen Hochschule Zug hat ergeben, dass sich die Sche- re zwischen leistungsstarken und schwachen Schülern weiter öffnet und bestehende Unterschiede verstärkt. Wichtige Einflussfaktoren sind die technische Ausstat- tung im Elternhaus, Lernstrukturen, Selbststrukturie- rungsfähigkeiten. Als positiver Effekt des Homeschool- ing wird die Chance genannt, aus den Erfahrungen der vergangenen Monate moderne und individualisier- te Formen des E-Learnings in der Praxis zu verankern. Jugendliche berichteten mir häufig, dass sie das Ler- nen zu Hause sowohl anspruchsvoll als auch deutlich langweiliger als den Präsenzunterricht erlebten. Es feh- le dabei die interessante Vermittlung von Lehrinhalten durch Lehrpersonen. Ohne direkten Kontakt und kon- tinuierliche Anforderungen mit raschen Rückmeldun- gen sei es schwierig, sich zu motivieren. Man drohe «abzuhängen». Als Verlust haben etliche Maturanden die fehlende Ab- schlussphase am Gymnasium erlebt. Von einem Tag auf den anderen wurden sie aus dem Schulalltag ge- rissen ohne die Möglichkeit, allmählich Abschied von Lehrpersonen, Mitschülern und einer wichtigen Phase ihrer Jugend zu nehmen. Junge Erwachsene im Zwischenjahr nach der Matura mussten Reisepläne verschieben, auf Praktika verzich- SONYA GLANZMANN PSYCHOLOGIN LIC. PHIL., EIDG. ANERKANNTE PSYCHOTHERAPEUTIN, IN EIGENER PRAXIS MIT SCHWERPUNKT ADOLESZENZ UND KINDERKLINIK STADTSPITAL TRIEMLI, ZÜRICH Korrespondenzadresse: sonya.glanzmann@hin.ch Wie sind die Jugendlichen mit den Einschränkungen und Besonderheiten während des Lockdowns umgegangen? Welche Auswirkungen lassen sich bis zum heutigen Zeitpunkt erkennen? Die Jugend und Covid

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