KINDERÄRZTE.SCHWEIZ 4/2019
K I N D E R Ä R Z T E . SCHWEIZ 31 04 / 2019 JAHRESTAGUNG 2019 I ch habe mir diesen Workshop ausgesucht, um im Um- gang mit Geschlechtervarianten sicherer zu werden, um nicht sprachlos zu sein, wenn ich diesen Kindern begeg- ne. Die Endokrinologin Frau Prof. Dr. med. Christa Flück und die Sexualpädagogin Frau lic. phil. Marie Louise Nussbaum, beide vom Inselspital Bern, haben uns einen ausserordentlich kompetenten Einblick in die Welt der DSD (Differences of Sex Development) gegeben. Mit einer Prävalenz von 0,5% (ca. 35000 Menschen) ist der Anteil in der Schweiz nicht unbeachtlich, so dass es in jeder Kinderarztpraxis ein paar geschlechtervari- ante Kinder geben muss. Die Grenzen und die Eintei- lungen sind nicht klar und im ICD-11 spricht man auch eher von Variabilität und nicht mehr von einer psychi- schen Störung. Unsere Gesellschaft scheint aktuell of- fen für dieses Thema, daher sind die Patienten sehr vernetzt und die Zusammenarbeit zwischen Selbsthilfe- gruppen und medizinischen Spezialisten ist essenziell, um diesen Kindern umfassend zu helfen. Es macht keinen Sinn, ins Detail zu gehen, aber für eine grobe Orientierung habe ich mir folgende Ebenen der Differenzierung gemerkt: ■ Biologie ■ Psyche ■ Soziales ■ Sexuelle Orientierung Diese vier Ebenen können alle unabhängig voneinander variieren und somit eine Unzahl an verschiedenen «in- dividuellen Geschlechtervarianten» hervorbringen. Da- her sind zwei Dinge unumgänglich: ein offenes Ohr und Auge für die Kinder zu haben und darüber hinaus mit Spezialisten und Selbsthilfegruppen zusammenzuarbei- ten. Erst wenn die Kinder oder ihre Eltern Leidensdruck entwickeln, gibt es grundsätzlich einen Auftrag und da- raus resultierend einen eventuellen Handlungsbedarf. Frau Prof. Flück hat in diesem Zusammenhang betont, wie wichtig die Zusammenarbeit mit den Selbsthilfe- gruppen ist, denn Bedarf und Therapieoptionen sind unter Umständen nicht klar und müssen gesucht, be- nannt und besprochen werden. Somit ist für eine adäquate Versorgung von ge- schlechtervarianten Kindern eine interdisziplinäre Zu- sammenarbeit mit den dafür spezialisierten Zentren unumgänglich. Für mich war bis zum Workshop die Hypospadie zum Beispiel eine rein urologische Diagno- se; jetzt weiss ich, dass sich unter Umständen je nach Begleitsymptomen ein DSD dahinter verbergen kann. Ich habe viel gelernt und meine Hemmungen in den lebhaften Diskussionen abgebaut, habe den Unter- schied zwischen Inter und Trans, Queer, gendernon- konform, schwul, bi und pan gelernt. Die beiden Referentinnen waren mit Herzblut im Thema drin und man merkte: Da stehen uns wirklich Profis zu Verfügung, sei es mit den interdisziplinären Beratungssprechstunden wie in Bern, St. Gallen und Zürich oder im Hintergrund für die Qualitätssicherung und Nachverfolgung mit einem schweizweiten und in- ternational verbundenen DSD-Register. Somit mein Fazit «mit dem Wandel offen für Neues», denn Sex ist ein persönliches Recht und «in einem drin». Sexuelle und geschlechtliche Varianten sind nicht aner- zogen und auch nicht nur angeboren; es ist oft nicht klar, woher sie stammen – aber eines ist klar: essen- ziell sind sowohl Zuhören als auch Bedürfnisse ernst nehmen. Ich möchte stellvertretend für die vielen Quellen eine Li- teraturstelle angeben, für alle, die tiefer in die Thematik abtauchen wollen: Sommer, G., Konrad, D., Kuhlmann, B., L’Allemand, D., Phan-Hug, F., Hauschild, M., ... Flück, C. E. (2018). Kinder und Jugendliche mit Varianten in der Geschlechtsentwicklung. Swiss Medical Forum, 18(42), 858–864. https://doi.org/10.4414/smf.2018.03378 ■ REFERENTINNEN: PROF. DR. MED. CHRISTA FLÜCK, FACHÄRZTIN FÜR KINDER- UND JUGENDMEDIZIN FMH, ABTEILUNGSLEITERIN PÄDIATRISCHE ENDOKRINO- LOGIE, DIABETOLOGIE UND METABOLIK, UNIVERSITÄTS- KLINIK FÜR KINDERHEIL KUNDE, INSELSPITAL BERN LIC. PHIL. MARIE LOUISE NUSSBAUM, BERATERIN SPRECHSTUNDE GESCHLECHTERVIELFALT, SPEZIALISTIN FÜR GESCHLECHTERFRAGEN, KINDER- UND JUGEND PSYCHIATRIE, UNIVERSITÄTS KLINIK FÜR KINDERHEIL KUNDE, INSELSPITAL BERN MODERATORIN: DR. MED. SANDRA BURRI, FACHÄRZTIN KINDER- UND JUGENDMEDIZIN FMH, PRAXISPÄDIATERIN IN BERN AUTORIN: DR. MED. ANNA BEWER SILVESTRI, FACHÄRZTIN FÜR KINDER- UND JUGENDMEDIZIN, PRAXISPÄDIATERIN IN THALWIL KORRESPONDENZADRESSE: a.bewer@hin.ch Workshop 2 – für Ärztinnen und Ärzte: Geschlechtervariante Kinder in der Kinderarztpraxis In jedem Mann steckt ein wenig Frau und in jeder Frau steckt ein wenig Mann
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