FORTB I LDUNG 02 / 2019 K I N D E R Ä R Z T E. SCHWEIZ 28 Einleitung Als ich von Kinderärzte Schweiz gebeten wurde, nicht nur einen Workshop zum Gebrauch von Bilderbüchern in der Praxis durchzuführen (vgl. Erfahrungsbericht von Kerstin Walter dazu auf Seite 41 in diesem Heft), sondern auch eine Box mit wichtigsten Bilderbüchern zu grossen Themen wie Eifersucht, Angst usw. zusammenzustellen, waren meine Gefühle ziemlich gemischt. Einerseits freute ich mich, über eines meiner Lieblingsthemen referieren zu dürfen, andererseits geriet ich etwas in Panik. Wie um Himmelswillen sollte ich diese ganze wunderbare Welt von Bilderbüchern in eine einzige kleine Box einschliessen? Schon nur meine 7,5 Meter Bilderbücherbibliothek auf 26 cm zu reduzieren schien mir ein Ding der Unmöglichkeit… Denn ihr müsst wissen: Mein Verhältnis zu Bilderbüchern ist so wie jenes mancher Frauen zu Schuhen. Das heisst: Man hat nie genügend davon und lässt sich verleiten, immer wieder Neue dazu zu kaufen! Und schon nur der Gedanke, sich von Alten trennen zu müssen, ist absolut unerträglich. So kam mir in der Not die Idee, nicht nur eine Box zusammenzustellen, sondern entsprechend meinen Aufbewahrungsorten und Nutzungskategorien deren drei: Der Inhalt der Box Nr. 1 befindet sich frei zugänglich im Wartezimmer und griffbereit zur Ablenkung bei medizinischen Interventionen im Sprechzimmer. Der Inhalt der Box Nr. 2 steht auf meinem Sprechzimmerpult. So kann ich da zugreifen, wenn mir während der Konsultation Fragen zu erzieherischen Themen wie Schlaf, Nuggientwöhnung, Eifersucht unter Geschwistern, Akzeptanz von Brille, Zahnspange oder zu Patchwork-Familien gestellt werden. Oder auch wenn ich medizinische, respektive Aufklärungsfragen mit kind- oder jugendli- chengerechten Illustrationen beantworten möchte. Der Inhalt der Box Nr. 3 steht für mich zugänglich, zuoberst auf meinem Büchergestell. Suche ich Ideen zu Themen wie Angst, Identität, Trauer, Anderssein, werde ich dort fündig. Diese Bücher nutze ich zum einen für «Wartezimmer-Interventionen», wenn sich wieder einmal zu meinem Entsetzen Schlangen im Wartezimmer gebildet haben und ich diese Wartezeit utilisieren möchte. Ich drücke dann ein auserlesenes Buch dem Kind und seinen Eltern in die Hand und lade sie ein, es zu lesen. So können Kinder und ihre Eltern noch im Wartezimmer die eigentliche Sprechstunde vorbereiten. Oder ich nutze sie, passend zum Konsultationsthema, um eine Unterbrechung wegen Notfällen / dringendem Telefonat sinnvoll zu überbrücken. Bilderbücher können schlussendlich auch im Anschluss an eine kurze Konsultation – noch in der Praxis – eine Sprechstunden-Intervention verstärken oder abschliessende Rückmeldungen als einprägsame Botschaften mit nach Hause geben. Die allermeisten Bücher schauen also die Kinder und Eltern bei uns direkt an, für sich oder zusammen mit mir. Gelegentlich lasse ich mich auch «nur» von einem Buch zu Metaphern oder hypnotherapeutischen Interventionen inspirieren, ohne das Buch mit den Kindern zu lesen. Ich habe mich am Workshop sehr gefreut zu hören, wie unterschiedlich Bilderbücher in der kinderärztlichen Praxis genutzt werden. Einige Praxen sind richtige Bibliotheken und leihen ihre Bücher den Familien aus. Andere wechseln, wie bei einer Dekoration, thematisch alle paar Wochen ihr Angebot und stellen Neuheiten aus, so dass Interessierte aktiv danach fragen dürfen, um das Buch anzuschauen. Bevor ich ganz konkret zum Inhalt der Boxen komme, möchte ich noch ein Paar Bemerkungen machen. Es hat mich sehr viel Zeit gekostet, mich auf bestimmte Titel festzulegen. Die Auswahl ist schlussendlich sehr persönlich nach meinem Geschmack ausgefallen, obwohl verschiedene Kinderärzte und -psychiater sowie Therapeutinnen, Pädagogen und Psychologinnen mir dabei geholfen haben. Ihnen allen sei hier nochmals herzlich gedankt! Die Boxen beinhalten nur Bücher, welche (im Moment) verfügbar sind, mir gefallen und für meinen Alltag in der kinderärztlichen Praxis nützlich sind. Ich habe Bestseller, welche alle kennen, absichtlich weggelassen. BOX Nr. 1: Eine ausgewählte Bilderbücherliste zur Unterhaltung und Ablenkung Mit einem gut ausgestatteten Bilderbuchsortiment im Wartezimmer möchte ich nicht nur, dass alle Wartenden ihre Zeit mit Spass vertreiben, sondern auch Eltern dazu anregen, mit ihrem Kind aktiv zu kommunizieren und es mit Büchern vertraut zu machen. Bilderbücher erlauben es, auf drei Ebenen zu kommunizieren: auf der bewussten, der unbewussten und der Ebene der «sensorischen Verwebung» (Integration). Bilderbücher werden mit allen Sinnen erlebt: auditiv, visuell, häufig auch taktil kinästhetisch (Nähe, eventuelle Berührung beim Vorlesen) und möglicherweise durch Suggestion auch gustativ und olfaktorisch. (Es gibt auch Bücher wieMaulwurf Max (Roger Rhyner, Patrick Mettler, 2017), die zum Fühlen und Riechen für blinde und sehende Kinder realisiert wurden.) Durch die Bilder wird diese Ebene der sensorischen Verwebung ganz speziell gefördert: Imagination und Bilder regen in der Tat die rechte Hirnhälfte intensiv an, womit die Kreativität und möglicherweise neue Lösungsansätze gefördert werden. Weiter wird die Vernetzung beider Hirnhälften durch das ZuBilderbücher als kleine Helfer in der kinderärztlichen Praxis Vorstellung der eigens für KIS zusammengestellten drei Bilderbuch-Boxen DR. MED. SABINE ZEHNDER, KIJUMED PRAXIS, BERN Korrespondenzadresse: sabine.zehnder@kijumed.ch
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