KINDERÄRZTE.SCHWEIZ 4/2018

K I N D E R Ä R Z T E . SCHWEIZ 33 04 / 2018 JAHRESTAGUNG 2018 S epp Holtz führte uns unter der gelungenen Mode- ration von Daniela Kuster anhand von Videobeispie- len durch einen spannenden Workshop. Auseinander- gesetzt haben wir uns insbesondere mit den ersten und letzten fünf Minuten der Anamnese. Zu Beginn des Workshops machte uns Sepp Holtz darauf aufmerksam, dass bei ihm die Lernkurve im Bereich der Kommunika- tion am steilsten ist, verglichen mit anderen Tätigkeiten im kinderärztlichen Alltag. Nicht nur ich als Studentin konnte sehr von dem Workshop profitieren, sondern auch die erfahrenen PädiaterInnen.  Anhand des Videobeispiels der Anamnese eines 17 Monate alten Jungen aus Mexiko haben wir die Auf- tragsklärung aufgegriffen. Auftragsklärung – was ist das schon wieder genau?  Die Eltern des Jungen kamen mit einer ganzen Palet- te an Symptomen in die Sprechstunde: Essensverweige- rung, Trotzen, Schlafproblematik usw.  Allein die Auflistung diverser Symptome durch die El- tern ist aber nicht als Auftrag zu verstehen. Um nicht im Strudel der Informationsflut zu schwimmen, ist es wichtig, nachdem die Eltern initial einmal ihre Situati- on geschildert haben, hier anzusetzen. So banal es auf den ersten Blick scheinen mag, es ist wichtig noch einmal nachzuhaken, am besten bevor man die Anamnese ver- tieft: «Was ist jetzt genau Ihr Anliegen an mich?»  Mit dieser Frage reduziert sich nicht nur die Symp- tomkette, sondern das Gespräch bekommt einen «ro- ten Faden», eine Richtung. Das Anamnesegespräch wird nun präziser und klarer. Das erleichtert nicht nur einem selbst die Arbeit, damit man die richtige Hilfe an- bieten kann. Auch die Eltern des Kindes profitieren da- von. Sie können nun anhand konkreter Fragen formu- lieren, was sie sich an Hilfestellung wünschen. So lenkt man das Gespräch in die richtigen Bahnen, um den El- tern am Ende sinnvolle Lösungsansätze mitgeben zu können. Man bringt sozusagen alle Beteiligten auf den gleichen Nenner. Im Idealfall kann man so gezielt den Erwartungen der Eltern gerecht werden.  Vergisst man den Auftrag eindeutig zu klären, kann es zwar durchaus sein, dass man aufgrund seiner Erfah- rung aus der Schilderung der Eltern den «richtigen Auf- trag» herausliest. Es kann aber genauso gut passieren, dass man komplett am Ziel vorbeischiesst.  Die einen Eltern, die von durchwachten Nächten mit ih- rem Kind erzählen, sehen diesen Umstand vielleicht nur als eine Phase, durch die sie jetzt eben durch müssen. Andere Eltern wünschen sich an dieser Stelle vielleicht sehnlichst eine Veränderung. Es spielt keine Rolle, wie gut das eige- ne entwicklungspädiatrische Wissen ist, wenn man nicht weiss, was das Anliegen der Eltern ist. Allzu schnell be- gibt man sich auf Glatteis, wenn man Lösungsvorschläge formuliert, die von den Eltern so gar nicht gewollt waren.  Das Schöne an der Auftragsklärung ist, dass sie je- derzeit im Gespräch nachgeholt werden kann. Genau- so gut kann man sie noch einmal aufgreifen, wenn man merkt, dass das Gespräch abdriftet.  Ich werde für mich aus dem Workshop mitnehmen, was Sepp Holtz in meinen Augen sehr treffend formu- liert hat: «Ein Symptom ist noch keine Klage und eine Klage ist noch kein Auftrag!» ■ REFERENT: KD DR. MED. SEPP HOLTZ, LEITER EINER DER DREI LEHRPRAXEN DES ZÜRCHER KINDER­ SPITALS UND OBERARZT ENTWICKLUNGSPÄDIATRIE, ZÜRICH MODERATORIN: DR. MED. DANIELA KUSTER, FACHÄRZTIN FÜR KINDER- UND JUGENDMEDIZIN FMH, PRAXISPÄDIATERIN IN WINTERTHUR AUTORIN: LARA QUINTEN, MEDIZINSTUDENTIN IM 3. JAHR IN BERN KORRESPONDENZADRESSE: lara.quinten@students.unibe.ch Ärzte Workshop (WS 5): Kommunikation in der kinderärztlichen Praxis: Theoretisch kann ich praktisch alles!

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