KINDERÄRZTE.SCHWEIZ 4/2018

K I N D E R Ä R Z T E . SCHWEIZ 32 JAHRESTAGUNG 2018 04 / 2018 D er WS Orthopädie wurde erneut dankenswerter- weise von Rafael Velasco, Chefarzt Kinderorthopä- die Schulthess Klinik, Zürich, gehalten. Während einige auf dem nahen Zürichsee die Stand-Up Paddler mit ih- ren sportlichen Beinen beobachten konnten, wurden die anderen von Rafael Velasco mit vielen Bildern an- schaulich in die Entwicklung der Beinachsen eingeführt. Dabei wurden wir auch immer wieder an die Normwer- te der Achsenentwicklung von Hüfte bis zum Fuss erin- nert (siehe Literaturangabe am Ende des Textes). Diese verändern sich im Laufe der Entwicklung. Den Spon- tanverlauf der Beinachsen sollte man immer im Kopf behalten.  Säuglinge haben immer O-Beine, Kleinkinder klassi- scherweise X-Beine und schliesslich normalisiert sich die Beinachse im Schulalter. «Daher machen wir bis zum 5. Lebensjahr grundsätzlich gar nichts!» betonte er mehrfach. Als Tipp für besorgte Eltern: Verlaufsdoku- mentation mit Fotos etwa alle 6 Monate durchführen lassen und so unnötige Röntgenbilder vermeiden. «Un- sere Aufgabe ist es, den Eltern zu erklären, dass man nichts machen muss.»  Bei einer deutlichen Asymmetrie aber ist eine kinder- orthopädische Mitbeurteilung sinnvoll. Ein wichtiges Thema in der Praxis sind auch die Knick- Senkfüsse. Dazu kommentierte er: «Einlagen richten nichts auf» und «gutes Schuhwerk ist wichtiger als Ein- lagen». In der Literatur konnte nicht gezeigt werden, dass Einlagen eine Veränderung bringen.  Bei einem sehr ausgeprägten Valgusfuss sind eventu- ell Schalenorthesen indiziert. Bei der Coxa antetorta sind üblicherweise auch die Knie und Füsse nach innen gedreht und es ist von einer sig­ nifikanten Besserung im Wachstum auszugehen.  Den Zwischenfersensitz, den Kleinkinder oft im Spiel auf dem Boden einnehmen, muss man im Übrigen nicht korrigieren. Es hat keinen negativen Einfluss auf die Beinachsenentwicklung.  Einzige Ausnahme ist das torsional malalignment syn- drome, einer Kombination der Coxa antetorta mit einer tibialen Aussentorsion, welche sich nicht spontan kor- rigieren wird. Was sind kinderorthopädische Therapieoptionen? 1. Spontanverlauf abwarten 2. Operativer Eingriff bei signifikanten Beinachsendevi- ationen (vor allem Coxa retrotorta, Tibia Aussentor­ sion und torsional malalignment). Die Operationen erfolgen wenig invasiv, meist beidseitig zum gleichen Zeitpunkt. Zu Anwendung kommen 8-Platten oder Blount-Nägel.  Das Wichtigste ist der richtige Zeitpunkt zu Beginn der Pubertät, den es gilt, individuell abzupassen. Es gilt das biologische, nicht das chronologische Alter. Welches sind also die kinderorthopädischen Tipps für den Praxisalltag zum Thema Beinachsen? –  Spontanverlauf beachten –  Bei Vorschulkindern grosszügig abwarten und den Verlauf mit Fotos dokumentieren –  Jugendliche mit starken Beinachsendeviationen zu Beginn der Pubertät zum Orthopäden überweisen. «Aber wir sind keine Ingenieure, wir müssen den Men- schen nicht perfekt machen.» Es lässt sich auch mit nicht ganz geraden Beinen gut Stand-Up paddeln auf dem Zürichsee. ■ Literatur: – Normwerte in Wachstum und Entwicklung G. U. Exner Thiemeverlag 2003   Print ISBN 9783137463023   Online ISBN 9783131854728 REFERENT: DR. MED. RAFAEL VELASCO, FACHARZT FÜR ORTHO­ PÄDISCHE CHIRURGIE FMH, CHEFARZT KINDERORTHO- PÄDIE, SCHULTHESS KLINIK, ZÜRICH MODERATOR: DR. MED. J. LEDERGERBER, FACHARZT FÜR KINDER- UND JUGENDMEDIZIN FMH, PRAXISPÄDIATER IN ZÜRICH AUTORIN: DR. MED. IRMELA HEINRICHS, FACHÄRZTIN FÜR KINDER- UND JUGENDMEDIZIN, PRAXISPÄDIATERIN IN USTER KORRESPONDENZADRESSE: iheinrichs@hin.ch Ärzte Workshop (WS 4): Kinderorthopädie: Praktische Hinweise, Schnittstellen Praxis/Klinik: Beinachsen «Wir sind keine Ingenieure, wir müssen den Menschen nicht perfekt machen.»

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