KINDERÄRZTE.SCHWEIZ 4/2018

K I N D E R Ä R Z T E . SCHWEIZ 31 04 / 2018 JAHRESTAGUNG 2018 M it dieser Frage ist Daniela Kaiser direkt mitten ins Thema eingestiegen. «Rheuma», den griechi- schen Begriff für Fliessen, finden wir auch im franzö- sischen «rhume», für fliessende Nase, wieder. In unse- rem Fall bezeichnet es das Fliessende, Wechselhafte der Schmerzen oder auch den gestörten Fluss des Schleimes mit einem eher historischen Blick der Medizin.  Eines wird gleich am Anfang klar: Bei Arthralgien sind Ohr und Auge des Arztes gefragt. Eine genaue Anam­ nese ist oft wegweisend. Bei der Untersuchung soll auch immer die Haut gut angeschaut werden. Warum wir Sprunggelenke immer auch von hinten beurteilen sol- len, dokumentiert Daniela gleich mit einem Bild: Von vorne gesehen zwei gleich aussehende OSG, beim sel- ben Kind, Blick von dorsal zeigt es eine deutliche ein­ seitige Schwellung – für mich eine wichtige «take home message».  Das Labor soll knapp ausfallen: Ein Blutbild, eine Blut- senkungsgeschwindigkeit und eine Serologie sind oft richtungsweisend. Poststreptokokken- und postinfekti- öse (z. B. Campylobakter-) Arthritiden werden in der Re- gel nicht antibiotisch, sondern lediglich antiinflammato- risch behandelt. Dermatomyositis kann bereits bei jungen Kindern vorkommen und ist deutlich häufiger als Polymyositis. Typisch ist der Hautbefund mit periungualer Rötung vor allem an Händen. Schmerzen werden hier selten ange- geben, viel mehr wird oft über Müdigkeit und Muskel- schwäche geklagt. Im Labor finden sich nicht bei jedem Kind pathologische Befunde. Wachstumsschmerzen betreffen typisch die Bei- ne, sind wechselnd, eher am Nachmittag-Abend. Diese Kinder klagen nicht über Anlaufschmerzen am Morgen. Bei einer klassischen Anamnese und Fehlen systemi- scher Symptome kann hier auf RX und Labor verzichtet und eine beobachtende Haltung eingenommen wer- den. Schmerzsyndrome: CRPS I und II (chronic regional pain Syndrome, (I ohne II mit Nervenverletzung). Hier fin- det sich oft eine Berührungsintoleranz, ein Erscheinungs- bild, das «nicht passt», ein ungewöhnliches Bewegungs- bild mit Schonhaltung im schmerzenden Gelenk. Als Kontrastbild das Kind mit Arthritis, welches das befalle- ne Gelenk bewegen würde. Typisch betroffene Gelenke sind das Hand- und das Sprunggelenk. Oft übt ein Trau- ma eine Triggerfunktion aus. Eine rasche und intensive Physiotherapie mit regelmässigen Kontrollen, z.T. auch eine begleitende Psychotherapie sind die Therapie. Es gibt nicht selten chronische und rezidivierende Verläufe. JIA juvenile idiopathische Arthritis. Oft wird bei die- sem Bild als Erstes ein Hinken wahrgenommen. Kin- der klagen nur selten über Schmerzen im Gelenk, auch wenn bei der Untersuchung ein pathologischer Befund erhoben wird. Typisch ist eine Oligoarthritis, welche bei Mädchen im Kleinkindalter beginnt. In der Pubertät se- hen wir häufiger Spondylarthritiden und einen poliarti- culären Befall. Bei Unsicherheit, ob wirklich eine Arthri- tis vorliegt, kann der Ultraschall genutzt werden.  Eine Monarthritis würde aber auf jeden Fall mit ei- nem RX abgeklärt.  Kiefergelenksarthritis ist bei Kindern mit JIA mit ca. 50% sehr häufig. Es muss danach aktiv gesucht wer- den, da praktisch nie über Schmerzen geklagt wird. Eine Kieferasymmetrie oder eine Micrognathie können auf eine Mitbeteiligung hinweisen. Ein MRI bringt die notwendige Klärung. Lyme-Arthritis betrifft hauptsächlich Schulkinder, Wochen bis Monate nach einem Zeckenbiss. Zu diesem Zeitpunkt sind die IgM meist wieder negativ. Es sind Monoarthritiden mit massivem Gelenkserguss. Typische betroffene Gelenke sind Knie > Ellbogen > Hüfte. Die PCR im Punktat weist eine hohe Sensitivität auf. CRMO chronisch rezidivierende multifokale Osteomy- elitiden sind oft assoziiert mit einer atypischen Form der Psoriasis (palmo-plantare pustulose) und entzündlichen Darmerkrankungen. Nachtschmerz ist ein Leitsymptom. CINCA chronic infantile neurologic cutaneous and ar- ticular syndrome. Es finden sich permanent hohe Ent- zündungsparameter. Der Defekt im Inflammasom führt zu Arthritiden und Urticaria.  Noch lange hätten wir zuhören und mitdiskutieren können bei diesem spannenden und sehr praxisnahen Referat. Wir haben Bilder gesehen, Fragen und Ant- worten erhalten, ein kleiner hilfreicher Einblick in ein breites Gebiet, welches uns Kinderärzten immer wie- der Kopfzerbrechen macht. Herzlichen Dank an Dr. Daniela Kaiser. ■ REFERENTIN: DR. MED. DANIELA KAISER, LEITENDE ÄRZTIN PÄDIATRISCHE RHEUMATOLOGIE, KINDERSPITAL LUZERN MODERATORIN: MED. PRACT. CORDULA ZWINGGI, FACHÄRZTIN FÜR KINDER- UND JUGENDMEDIZIN FMH, PRAXISPÄDIATERIN IN LUZERN AUTORIN: DR. MED. REGULA ZIEGLER-BÜRGI, FACHÄRZTIN FÜR KINDER- UND JUGENDMEDIZIN FMH, PRAXISPÄDIATERIN IN ZÜRICH KORRESPONDENZADRESSE: regula.ziegler@bluewin.ch Ärzte Workshop (WS 3): Masterclass Rheumatologie: Arthralgie – ist es Rheuma? Fotos: Dr. med. Daniela Kaiser

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