KINDERÄRZTE.SCHWEIZ 4/2018
K I N D E R Ä R Z T E . SCHWEIZ 28 JAHRESTAGUNG 2018 04 / 2018 P ascal Müller ging auf das Paradoxon der modernen Kinderernährung ein. Einerseits stand uns noch nie ein so reichhaltiges, sicheres und erschwingliches Nah- rungsmittelangebot zur Verfügung wie heute. Anderer- seits nimmt die Skepsis gegenüber der Ernährung zu. Wie prägt uns moderne Ernährung heutzutage? Bessere Lebensmittel? Die Massenproduktion von Lebensmitteln wurde in den letzten Jahren immer wieder von Skandalen überschat- tet, die die Eltern verunsichern können. Für den Kinder- arzt bedeutet dies, dass er sich mit den Fakten ausei nandersetzen muss, um die Eltern gut zu beraten. Viele Eltern bevorzugen biologisch angebaute Lebensmittel. Doch sind diese tatsächlich gesünder? Fakt ist, dass sich Bio-Lebensmittel bezüglich der Makro- und Mikronähr- stoffe kaum von konventionell angebauten Lebensmit- teln unterscheiden. Sie enthalten aber weniger Pestizi- de, Herbizide, synthetischen Dünger, Antibiotika und antibiotikaresistente Bakterien. Bio-Obst und -Getreide sind reicher an sekundären Pflanzenstoffen (z. B. Anti- oxidantien), die einen Einfluss auf unsere Gesundheit haben können. Bio-Weizen enthält signifikant weniger Nitrat, Cadmium, Protein und Gluten als konventionel- ler Weizen. In Bezug auf Quecksilber schneidet Bio-Ge- treide jedoch schlechter ab. Klarer sind die Vorteile von Bio-Milchprodukten. Bio-Milch enthält signifikant mehr Protein und Fett. Zudem ist das Verhältnis zwischen Omega-3- und Omega-6-Fettsäuren besser als bei her- kömmlichen Milchprodukten. Langzeitwirkung der Ernährung Die fetale Unter- und postnatale Überernährung beein- flusst die Physiologie und den Metabolismus langfris- tig und erhöht das Risiko für Typ-2-Diabetes, kardio- vaskuläre Erkrankungen, Adipositas, das metabolische Syndrom etc. im Erwachsenenalter. Unterernährte Föten drosseln die Insulinsekretion, sodass mehr Glukose für Hirn und Herz und weniger für die Muskulatur und das Wachstum zur Verfügung steht, mit dem Resultat, dass sie zu klein und/oder zu leicht zur Welt kommen (SGA). Nicht alle SGA-Kinder holen diesen Rückstand in den ersten zwei Lebensjahren auf. Auch die Überernährung des Fötus und des Säuglings, kurzes Stillen und die ex- zessive Proteinzufuhr begünstigen spätere Adipositas und kardiovaskuläre Erkrankungen. Fokus auf Ernährung im Alltag Pascal Müller beobachtet, dass sich immer mehr Men- schen intensiv mit der Ernährung befassen, sich aber weniger die Frage stellen «Was tut mir gut?», sondern vielmehr «Was könnte meinem Körper schaden?». Heute ernähren sich immer mehr Menschen glutenfrei, ob- wohl sie nicht an Zöliakie leiden. Dadurch konsumieren sie weniger vollwertige Getreide, was möglicherweise ihr kardiovaskuläres Risiko erhöht. Das Risiko von Mängeln ist auch bei der veganen Er- nährung hoch. So besteht die Gefahr einer Unterver- sorgung mit Kalorien, gesättigten Fettsäuren, Fett, Pro- tein, Vitamin D, B12, Riboflavin, Calcium, Zink, Eisen und Jod. Eine vegane Ernährung von Kindern bedarf viel Wissen der Eltern, regelmässiger Blutkontrollen und der Begleitung durch eine Fachperson. Ernährungssituation Schweiz Eine Schweizer Studie hat ergeben, dass Kleinkinder in der Schweiz bezüglich Gesamtkalorien, Kohlenhydra- ten und Fett adäquat versorgt sind. Sie nehmen jedoch zu viel Protein und gesättigte Fettsäuren zu sich. Bei der Zufuhr von mehrfach ungesättigten Fettsäuren, Eisen, Vitamin D und Jod besteht hingegen eine Unterversor- gung. Siehe Studie Berner Fachhochschule «Was essen Kleinkinder in der Schweiz?» (2017): https://www.hafl.bfh.ch/ueber-die-hafl/medien/archiv/ 2017/ernaehrung-kleinkinder.html ■ REFERENT: DR. MED. PASCAL MÜLLER, LEITENDER ARZT ERNÄHRUNGSMEDIZIN, FACHARZT FÜR PÄDIATRISCHE GASTROENTEROLOGIE UND HEPATOLOGIE, OSTSCHWEIZER KINDER- SPITAL, ST. GALLEN AUTORIN: SUSANNA STEIMER MILLER, HERAUSGEBE- RIN «BABY & KLEINKIND», KILCHBERG KORRESPONDENZADRESSE: steimermiller@prsolutions.ch Symposium für Ärzte und MPAs – Ernährung: Hintergründe zu Ernährungsempfehlungen für Kleinkinder ab 6 Monate
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