KINDERÄRZTE.SCHWEIZ 4/2018
K I N D E R Ä R Z T E . SCHWEIZ 26 JAHRESTAGUNG 2018 04 / 2018 A ls Hauptreferentin zum Thema der diesjährigen Ta- gung konnte Frau Dr. phil. Maja Storch gewonnen werden. Sie ist Psychologin, Psychoanalytikerin und In- haberin sowie wissenschaftliche Leiterin des Institutes für Selbstmanagement und Motivation Zürich (ISMZ), einem Spin-off der Universität Zürich. Zu diesen Themen hat sie zahlreiche wissenschaftliche und populärwissen- schaftliche Publikationen verfasst. So weit die etwas trockene und theoretische Ankün- digung im Programmheft. Und dann kam Frau Storch. Von der ersten Minute an hatte sie dank ihrer hu- morvollen Art zu referieren und ihrer unglaublichen Präsenz die volle Aufmerksamkeit des Publikums. Sehr engagiert und mit vielen Beispielen aus dem Alltag redete sie über die Themen Intuition, Verstand und Selbstmanagement. Dem Menschen stehen grundsätzlich zwei Bewer- tungssysteme zur Verfügung, um einen Entscheid zu fällen. Es sind dies der Verstand und das emotionale Verarbeitungssystem oder Erfahrungsgedächtnis. Die beiden Systeme unterscheiden sich grundlegend in ih- rem Arbeitstempo, den Kommunikationsmitteln und den Bewertungskategorien, wie Tabelle 1 zeigt. Der fronto-cortical lokalisierte Verstand mit sei- nen klaren, bewussten Entscheidungen ist uns allen ein Begriff und im Alltag häufig eine Hilfe. Als Meta- pher für das limbische System und zum besseren Ver- ständnis, wie das emotionale, unbewusste Verarbei- tungssystem funktioniert, hat uns Frau Storch mit dem Strudelwurm bekannt gemacht. Strudelwürmer sind einfachste Wesen, die sich zwischen gerade mal zwei Reaktionen entscheiden können: schlecht («Grmpfl»), will ich nicht mehr machen (z. B. eine Darmspiege- lung) und gut («Bingo»), will ich wieder machen (z. B. ein Bier trinken am Feierabend). Strudelwurmreaktio- nen sind rasch, spontan und emotional und entspre- chen unserem Bauchgefühl. Ganz bewusst und mit viel Humor hat uns Frau Storch im Verlauf ihres Vortrages immer wieder zu Strudelwurmreaktionen gebracht und «Grmpfl-» und «Bingo»-Ausrufe provoziert. Wie können wir nun die beiden Bewertungssysteme in unserem Alltag einsetzen? Wann nützt uns der Ver- stand und wann der Wurm? Bewusste Verstandesent- scheide müssen keineswegs besser sein als Entscheide aus dem Bauch heraus. Der Verstand verfügt oft nicht über alle Informationen oder bewertet diese nicht rich- tig, da er Dinge und Sachverhalte zu reduzieren und objektivieren versucht. Wenig komplexe Themen lassen sich gut über diesen Weg angehen. Komplexe Themen und Entscheide sollten das Unbewusste jedoch immer miteinbeziehen. Emotionen sind wichtige Zusatzinfor- mationen. Mit etwas Schulung und Erfahrung kann man dem Bauchgefühl schliesslich immer mehr folgen und ihm trauen. Ein spannender Vorschlag für eine solche «Wurmschulung» ist folgender: Bei jeder Kon- sultation haben wir alle rasch einen ersten Eindruck von Patient und Situation (emotionales Erfahrungssys- tem, kurz «s’Würmli» genannt). Notieren wir diesen doch einmal in der KG und überprüfen im Verlauf mit dem Verstand, ob sich dieser Eindruck bewahrheitet hat. Hauptreferat Jahrestagung Kinderärzte Schweiz 2018 – Frau Dr. phil. Maja Storch «Intuition verstehen und nutzen» oder: Was es mit «Grmpfl» auf sich hat DR. MED. NADIA SAUTER OES, PRAXISPÄDIATERIN IN WINTERTHUR, MITGLIED REDAKTIONSKOMMISSION Korrespondenzadresse: nadia.sauter@oes.ch Tabelle 1: Die zwei Bewertungssysteme Verstand (bewusst) Erfahrungsgedächtnis/ «Würmli» (unbewusst) Arbeitstempo langsam schnell Kommunikationsmittel Sprache (präzise Argumente) somatische Marker (diffuse Gefühle) Bewertungskategorie richtig/falsch mag ich/ mag ich nicht Grmpfl!
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