KINDERÄRZTE.SCHWEIZ 2/2018

FORTB I LDUNG 02 / 2018 K I N D E R Ä R Z T E . SCHWEIZ 22  Vitamin D spielte in dieser Analyse noch keine Rolle. Es gibt Studien, welche bei den betroffenen Kindern ei- nen tiefen Vitamin-D-Spiegel bekunden und hier einen Zusammenhang sehen [1, 2, 3, 14]. Vitamin D und seine Wirkung Vitamin D ist zur Zeit ein regelrechtes Modevitamin. Die Medien, Ärzte und Fachleute berichten viel, anfangs vor allem in Zusammenhang mit Sturzprophylaxe und Kno- chendichte bei älteren Menschen und als Rachitispro- phylaxe bei Babys. Je länger, desto mehr wird uns be- wusst, dass, wir in jedem Alter und für eine Vielzahl von Stoffwechselvorgängen Vitamin D benötigen und es keine Frage der Ernährung ist, ob man genug davon besitzt. Viele von uns mögen sich evtl. noch daran er- innern, in ihrer Kindheit im Winter den grausligen Le- bertran verabreicht bekommen zu haben. Diese Sitte verschwand aus unerfindlichen Gründen bzw. im Irr- glauben, heutzutage wären die Menschen ausreichend mit allen Vitaminen versorgt.  Um einen Zusammenhang zwischen Wachstums- schmerzen und einem Vitamin-D-Defizit herstellen zu können, sollte man wissen, wo Vitamin D wirkt und wie sich der Körper bei einem Mangel verhält. Auf die- se Weise erscheinen viele uns bekannte Beschwerden in einem anderen Licht.  Vitamin D spielt eine wesentliche Rolle im Phosphor- Kalzium-Stoffwechsel und ist an der Knochenmineralisie- rung sowie an der Erhaltung eines angemessenen Phos- phor- und Kalziumblutspiegels beteiligt (Abbildung1) [10]. Es erhöht renal die Kalzium- und Phosphorabsorp- tion, im Darm die Kalzium- und Phosphorresorption um 20% bzw. 60% und stimuliert die Osteoblasten bzw. -klasten.  Vitamin D ist kein klassisches Vitamin, denn es kann in ausreichenden Mengen vom Körper selbst produ- ziert werden. Es besitzt nukleäre Rezeptoren und eine Vielzahl von Genen stehen unter dessen direkter oder indirekter Kontrolle [8]. Insbesondere beteiligt es sich an Zellproliferation und -differenzierung sowie Apop- tose und Angiogenese. Das Vitamin D hat sich damit von einem Vitamin mit reinem Phosphor-Kalzium- und Knochentropismus zum extrem vielseitigen pleiotro- pen Hormon mit globalem Einfluss auf die Gesundheit gemausert (kardiovaskuläre und immunstimulierende Schutzwirkung, infekt- und tumorhemmende Wirkung usw.) [10]. Das Interesse für Vitamin D hat sich damit vervielfacht, wie auch die zahlreichen Publikationen zu diesem Thema zeigen.  Erwähnenswert ist, dass erst bei einem 25 OH D3- Blutspiegel von über 100 nmol / l viele Stoffwechselvor- gänge optimal funktionieren [17]. Tabelle 2 zeigt die verschiedenen Vitamin-D-Werte und ihre Interpretation.  Bei einer ungenügenden Versorgung werden allge­ meine Symptome wie depressive Verstimmung, Kopf- und Bauchschmerzen, allgemeine Schwäche, Schlafpro- bleme [12] und spezifisch bei Kindern Wachstumsver­ zögerung, psychomotorischer Entwicklungsrückstand und Reizbarkeit rapportiert. Bezüglich Skelett findet man rasche körperliche Ermüdbarkeit, nichtradiku­ läre Rückenschmerzen, diffuse muskuloskelettale, be- lastungsabhängige Schmerzen und Beinschmerzen [5, 10,11, 12, 22, 23, 24].  Eine vollständige Auflistung, der mit einer Vitamin-D- Unterversorgung in Verbindung gebrachten Krankhei- ten, würde den Rahmen dieses Artikels sprengen. Vitamin D und Wachstumsschmerzen, was meint die Literatur? Obwohl in den in oben genannter Metaanalyse aufge- führten Studien noch nicht an ein Vitamin-D-Defizit ge- dacht wurde, wurden doch viele typisch bei Hypovita- minosis D auftretende Beschwerden in Zusammenhang mit Wachstumsschmerzen gebracht. Dies haben z. B. auch folgende Autoren beobachtet:  Eine koreanische Studie fand bei 183 Kindern mit unspezifischen Beinschmerzen eine hohe Prävalenz von Vitamin-D-Mangel bzw. insuffizientem Blutspiegel [1]. Eine weitere Kohortenstudie mit 120 Kindern aus der Türkei stellt das Vitamin-D-Defizit der Kinder mit Wachstumsschmerzen und den signifikanten Schmerz- rückgang nach Substitution fest [2]. Eine Gruppe aus Karachi untersuchte 100 Kinder mit Wachstumsschmer- zen. Nur 6% wiesen einen normalen Vitamin-D-Spiegel vor. Die alkalische Phosphatase und Parathormon waren jeweils unauffällig. Auch sie schlagen vor, dass alle Kin- der mit unerklärten, unspezifischen Beinschmerzen auf Vitamin-D-Mangel getestet werden [3].  2009–2011 konnte ich selber im Kinderspital Zürich eine Pilotstudie über dieses Thema durchführen. Es wur- den je 50 Kinder von 2–10 Jahren mit und ohne Bein- schmerzen untersucht. Beide Gruppen wiesen in ca. 60% einen Vitamin-D-Mangel vor. Parathormon und Calzitonin waren unauffällig. Die Kinder mit Wachs- Darm Zunahme von Kalzium- und Phosphat-Resorption Nieren Knochen Parathyreoidea Zunahme von Osteoblastenstimulierung Abnahme von PTH Kalzium- und Phosphat- Differenzierung Tiefes Serumphosphat Rückresorption der Präosteoklasten PTH in Osteoklasten Hohes Serumphosphat FGF 23 Wirkung von Vitamin D 25 OH Vitamin D3 (zirkulierende Form) 1-alpha Hydroxylase 1.25 OH Vitamin D3 (aktive Form) Abbildung 1: Wirkung von Vitamin D

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